Spät im Wintersemester

13.04.2010
By: Austrian correspondent
A collective text by staff members of the Vienna Academy of Arts, venue of the recent alternative summit on the Bologna accords (Bologna burns, March 11-14 2010) reflects the student protests in the light of the changes in the field of education and society at large.

Die unmittelbaren Auslöser der derzeitigen Proteste von Studierenden, Lehrenden und Forschenden sind kontingent, ihre Adressaten einzelne Bildungsinstitutionen oder -administrationen und die entsprechenden Forderungen sind im Bereich des kurzfristig Einlösbaren. Auf einer von den unmittelbaren Anlässen nicht zu trennenden, zweiten Ebene geht es den Protestierenden um grundsätzliche Veränderungen in Bildungs- und Ausbildungssystemen angesichts von eklatanter Unterfinanzierung, Prozessen der Entdemokratisierung und „handwerklicher Fehler“ bei der Umsetzung der BA/MA-Struktur im Zuge der Bologna-Richtlinien. Die Adressaten sind hier meist Bildungs- und Forschungsministerien bzw. Regierungen, und die Realisierung der auf dieser Ebene gestellten Forderungen ist in einem mittelfristigen Zeitrahmen ebenfalls grundsätzlich denkbar und durchführbar – wenn man die Forderungen denn ernst nehmen will. Insbesondere diese zweite Ebene hat in den Medien viel Beifall und Aufmerksamkeit bekommen, allerdings wurde sie ebenso oft mit unverbindlichen Solidaritätserklärungen neutralisiert.

Eine dritte Ebene, die von Anfang an Teil der Proteste war, blieb in den Medien weitgehend unkommentiert oder wurde allenfalls als Phantasterei abgetan: Hier geht es um all das, was etwas hilflos wirkende Forderungen wie die nach „gesamtgesellschaftlichen Veränderungen“ zu fassen versuchen. Das Unspezifische solcher Formeln hat einen Grund: nämlich die Schwierigkeit zu wissen und zu beschreiben, was genau die „gesamtgesellschaftlichen“ Strukturen heute eigentlich sind, die verändert gehören. Um auf dieser, dritten, Ebene konkretere Forderungen stellen zu können, versuchen wir im Folgenden eine zeitdiagnostische Bestandsaufnahme von Konflikten und Paradoxa – in der Hoffnung, dass sich daraus Ansatzpunkte für eine Gesellschaftstheorie ergeben könnten.

Im aktuellen Stadium kapitalistischer Vergesellschaftung in den westlichen Demokratien gibt es nur noch wenige Lebenslagen, in denen Einzelne ihre politischen Gemeinsamkeiten mit anderen wahrnehmen können, das heißt, ihre politisch-ökonomischen Interessen. Die von Staatsseite legitimierten Interessenvertretungen wie Betriebsräte, Hochschülerinnenschaften, Gewerkschaften und reformorientierte Parteien erweisen sich mit ihren auf korporatistischen Interessensausgleich ausgerichteten bürokratischen Strukturen selten als Initiatorinnen sozialer Kämpfe; kommt es doch zu diesen, geschieht dies zumeist an jenen vorbei. Nicht nur das Konkurrenzprinzip, der Konsum-Individualismus und die Reorganisation der Industrieproduktion führen dazu, dass die klassischen kollektiven Erfahrungen der Politisierung nicht mehr gemacht oder nicht mehr anschaulich werden. Darüber hinaus werden in zunehmend immateriellen Produktions- und Arbeitswelten individuelle Fähigkeiten, ja mühselig erarbeitete Eigenheiten, schicke Schrullen und persönliche (körperliche) Attraktivitäten verlangt. Das Selbst ist kein Rückzugsort mehr, sondern Produktivkraft, die sich auf deregulierten Märkten mit möglichst vielen Alleinstellungsmerkmalen anbieten muss. Auch nach dem nie kommenden Feierabend wird am Ich-Design weitergefeilt: auf Partys, in Konzerten und Ausstellungen, im Kino oder bei der nie endenden (un-)freiwilligen Vernetzung.

Diese die ganze Person ergreifende Vereinzelung und Zwangsbohemisierung betrifft immer mehr Lebensbereiche. Die Betreffenden müssen sich selbst bei Laune halten, um als kulturell und als originell zu erscheinen – davon hängt ihr Überleben ab. Als semifreie Klein-Unternehmer_innen in eigener Sache oder prekär Beschäftigte stellen sie das avancierte Proletariat von Deregulierung und Neoliberalismus dar. Doch in den Universitäten sieht es ganz anders aus. Nicht Deregulierung ist das Problem, sondern zunehmende Regulierung, nicht der Zwang zu Selbsterfindung und Verlagerung der Befehlszentrale in die eigene Seele ist die Tendenz, sondern Fremdkontrolle, Verschulung und Bürokratie.

Der Soziologe und Unternehmensberater Armin Nassehi hat neulich in der FAZ (25. November 2009) den Protesten der Studierenden „in der Sache“ recht gegeben, aber jede Verbindung zwischen dem seiner Ansicht nach zu Recht kritisierten Bologna-System einerseits und dem Neoliberalismus andererseits bestritten. Stattdessen sah er in dem viel kritisierten Regelungswahn eher eine Rückkehr sozialistischer Fünfjahrespläne. Auch Adam Soboczynski, in seinem ansonsten recht sympathischen Lob des Langzeitstudiums alter Schule in der Zeit (26. November 2009), erinnerten die Bologna-Regelungen an Leninismus.

Der Kategorienfehler, die Verbindung zwischen Bildungspolitik und Wirtschaftspolitik über strukturelle Ähnlichkeiten herzustellen, ist weit verbreitet. Dabei hängen die zunehmende Regelung in der Universität und die abnehmende Regelung der Geldflüsse im neoliberalen Paradigma ebenso zusammen wie etwa die zunehmende Kontrolle von Migration mit der abnehmenden Kontrolle von Kapitalbewegungen. Beide dienen auf unterschiedliche Weise demselben Ziel: Intensivierung von Verwertung und Ökonomisierung.

Doch während außerhalb der Hochschulen monadisierte, selbstverantwortliche Mikrounternehmen effektiver verwertbar sind, lässt sich in der Universität die Ökonomisierung nur durch bürokratische Maßnahmen garantieren. Das gilt freilich in erster Linie für die staatlichen Massenuniversitäten, die in ihrer Unübersichtlichkeit und ihrer organisatorischen Überforderung ständig Richtlinien produzieren müssen, die die Qualität ihres industriell gefertigten Wissensprodukts garantieren können: Evaluationen, Credit-Points, mikroskopisch genaue Curricula etc.

So kommt es, dass während überall die postfordistische De-Regulierung auf dem Vormarsch ist und die kontrollierenden und disziplinierenden Imperative sich von Vorgesetzten und Autoritätspersonen in die Köpfe der Subjekte verlagert haben, in der Universität ein neofordistisches Disziplinarsystem sozusagen nachträglich installiert werden soll – u.a. durch den Bologna-Prozess. So kommt es aber auch, dass Studierende noch oder neuerdings die alte Fabrikarbeiter_innenerfahrung machen können, sich und ihresgleichen als Klasse zu erleben. Während Ausbeutungsverhältnisse anderswo immer weniger anschaulich sind, sind die Macht- und Kontrollformen der Massenuniversität überaus anschaulich.

Dieser Anschaulichkeitsvorteil erweist sich nicht nur intern für Studierende und andere Beteiligte als Mobilisierungsvorteil, er hat auch zur externen Solidarisierungsbereitschaft gewiss beigetragen. Sein Nachteil ist, dass er nicht unbedingt hilfreich ist, die Ungleichzeitigkeit der Entwicklungen in Forderungen umzusetzen. Antiautoritäre und antihierarchische Forderungen – so berechtigt sie gegen Bologna und die Universität als Fabrik sind – rennen in der Wirtschaft, zumal der Kulturwirtschaft außerhalb der Hochschule offene Türen ein. So konnte etwa Magnus Klaue im Freitag (25. November 2009) schreiben, die Studierenden forderten, was ohnehin geschehen wird.

Diese Ungleichzeitigkeit betrifft nicht nur das Verhältnis der neofordistischen Bologna-Universität zur postfordistischen (Kultur-)Arbeit, sondern auch die Position des künstlerisch-wissenschaftlichen Personals, der Lehrenden und Forschenden: Diese müssen, teilweise und zunehmend prekär beschäftigt, selbst initiativ werden und für ihre eigenen Finanzierung sorgen, Drittmittel einwerben und sich als ständig mobilisierte Netzwerker in eigener Regie profilieren. In diesem Sinne machen sie eher ähnliche Erfahrungen wie andere Kognitivproletarier auch. Zugleich sind sie aber am Management und an der Durchsetzung der Uni-Fabrik beteiligt, in Kontrolltätigkeiten verstrickt und entwickeln phantomhaft professorale Züge. Gesellschaftspolitische Forderungen müssten dieser Gemengelage gerecht werden, um nicht in Gefahr zu geraten, sich auf nostalgisch-antiautoritäre Frechheits-Spektakel zu reduzieren und am Gratisbeifall „solidarischer“ Medien zu wärmen.

Gleichzeitig wäre zu fragen, ob die Form der „klaren“ öffentlichen Forderungen und Appelle, nach denen ständig verlangt wird, obwohl sie andererseits in ihrer politischen Wirkung umstritten sind, zu überprüfen und zu revidieren wäre. Was seit dem Beginn der Proteste, aber auch schon lange zuvor, begonnen hat, ist eine intensive Arbeit an der Kritik eben jener Verhältnisse, in denen Deregulierung und Disziplinierung, Individualisierungsansprüche und Anpassungsdruck, Exzellenz-Imperative und Prekarisierung, Mobilitätspropaganda und Mobilitätskontrolle, der Mythos der flachen Hierarchien und die Realität des Abbaus demokratischer Formen als einander ergänzend und nicht einander widersprechend behauptet und wahrgenommen werden. Diese Arbeit an der Analyse jener Bedingungen, zu denen die Kräfte der Hegemonie versuchen, „Wissensgesellschaft“ und „kreative Städte“ als ideologische Leitfiguren wahrer politisch-ökonomischer Gegenwart durchzusetzen, hat zu Praktiken und Artikulationen geführt, die von den Medien und auch seitens der Politik gern als basisdemokratische Spielerei denunziert werden. Dabei demonstrieren gerade diese Praktiken und Artikulationen am ehesten, wie die Herstellung einer Gesellschaftsttheorie funktioniert − nämlich entlang der (und durch die) Diskussion sehr konkreter Probleme der Ungleichbehandlung und Ausgrenzung, der Organisation von Lernen, Lehre und Alltag, der Beobachtung von administrativen und managerialen Prozessen und ihrer legitimierenden Diskurse.

Die selbstorganisierte Produktion von politischer Kritik und selbstermächtigenden Gesten in und mit den Bildungsinstitutionen ist als solche eine Form gesellschaftspolitischer Theorie. Diese neue Produktion von Aktivität reagiert nicht zuletzt auf die neoliberale Produktion jener Passivität, die als individualisierte Performance ungerichteter, allenfalls selbstbezüglicher Virtuosität daherkommt. Bewusst nicht als Konsument_innen oder Dienstleister_innen in den neuen Uni-Fabriken (oder edu-shopping malls) zu handeln, sondern als ungeduldige und irritierte historische Subjekte in den unterschiedlichsten, unberechenbarsten Konstellationen, Bündnissen und Organisationsformen, verlagert Gesellschaftstheorie in eine antihegemoniale, anti-neoliberale Praxis der Betroffenen.

 

Dieser Text entspricht dem im Januar 2010 aktuellen Stadium einer Diskussion verschiedener Personen, die auf die eine oder andere Weise mit der Akademie der Bildenden Künste zu tun haben. An dieser Fassung haben mitgeschrieben: Fahim Amir, Sabeth Buchmann, Diedrich Diederichsen, Tom Holert, Jakob Krameritsch und Ruth Sonderegger. Der Text wird in gedrucker Form veröffentlicht in folgendem Sammelband: Unbedingte Universitäten (Hg.) Was passiert? Stellungnahmen zur Lage der Universität, diapanes, Zürich/Berlin 2010 (erscheint im April 2010).